Begegnungen im Rotlichtmilieu

Drei Geschichten von Begegnungen mit Frauen aus dem Rotlichtmilieu geben Einblick in unsere „Streetwork“-Arbeit.

Ricarda

Heute treffen wir endlich einmal die neue Besitzerin eines Bordells unserer kleinen Stadt. Erst vor kurzem hat Ricarda den Laden übernommen und hofft, dass sie sich damit aus der eigenen Prostitution herausarbeiten kann. „Noch“, sagt sie, „klappt das allerdings nicht.“ Sie möchte zu den Frauen human sein und daher erlasse sie ihnen manche Kosten. Deshalb komme aber öfter kein Geld rein.

Die Frau, die neben Ricarda sitzt, reibt sich immer wieder die Schulter. Im Verlauf des Gesprächs erzählt sie von einem Sturz, bei dem sie sich so arg verletzte, dass sie ihr Gelenk jetzt gar nicht mehr bewegen könne. Natürlich haben wir ihr gleich Gebet angeboten, welches sie auch dankbar annahm. Während des Gesprächs probiert die Frau immer mehr den neuen Bewegungsradius ihres Armes aus. Und JA! Sie ist geheilt! Was für ein guter Gott!
Als wir uns verabschieden, verblüfft uns Ricarda: „Was ist mit mir?“ Wir sollen nicht gehen, sondern unbedingt auch noch für sie beten. Wir fragen nach, was sie sich vom Herrn wünscht, worauf sie antwortete: „Dass er mir zeigt, was richtig und was falsch ist.“

Wow, da können wir nur staunen …

Anna

Bei einem unserer Einsätze treffen wir Anna, eine junge Rumänin, in ihrer Dienstwohnung. Sie öffnet die Tür in dem Glauben, dass vor ihr der nächste Freier steht. Sie ist jung, sehr jung, und sehr schmal gebaut. Ihre ganze Körperhaltung zeugt von Schmerz. Überraschung und Unsicherheit stehen ihr ins Gesicht geschrieben, als sie uns erblickt. Wir stellen uns vor, da kommt bereits ihr „Mann“ dazu. Er beschimpft Anna vor unseren Augen, unterhält sich kurz mit uns und schlägt Anna dann auf den Hinterkopf, als wir uns gerade verabschieden wollen. Schnell reichen wir ihr, in einem unbeobachteten Moment, unsere Hilfekarte weiter. Hoffentlich meldet sie sich.

Ein ganz normaler Job

Mit Sophie treffen wir heute die dritte Frau, die voller Überzeugung von ihrer selbstständigen „Sexarbeit“ erzählt. Sie brauche unsere Hilfe nicht, sie habe hier keine Probleme. Ähnliche Antworten hören wir von Maria und Tina. Alle drei Frauen sind schon etwas älter und wir treffen sie in unterschiedlichen Häusern an. Sie sprechen recht gutes Deutsch, aber man hört ihnen an, dass sie nicht in Deutschland aufgewachsen sind. Nach anfänglichem Smalltalk berichtet uns Maria von ihren Schutzmaßnahmen und wie ihr Hund sie schon mehrfach vor gewalttätigen Freiern beschützt hat. Frauen im Rotlichtmilieu haben oft einen Hund in ihrer Wohnung. Vor allem die Frauen, die behaupten, Sexarbeit sei doch ein ganz normaler Job. Aber alle berichten auch von Gewalt, Übergriffen und von Diebstahl durch Freier. Darum hat so manche Frau einen Hund, der reagiert, wenn sie Hilfe braucht. Oder Tina, die Frau, die keinen Hund hat, aber das Pfefferspray immer griffbereit.
Es lässt mich aufhorchen, dass solche Schutzmaßnahmen nötig sind. Wie ist das bei euch? Hat eine Friseuse oder eine Ärztin während der Arbeit auch immer ihren Hund dabei, damit sie nicht vergewaltigt, gewürgt oder ausgeraubt wird?